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Dem Täter den Handlungsraum entziehen

 Freitag, 26. April 2019
Täter erzeugen für ihre Gewalt einen Handlungsraum. Damit ist gemeint, dass sie Situationen suchen oder herbeiführen, in denen mit hoher Wahrscheinlichkeit niemand eingreift. Das kann verhindert werden.

Der Begriff “Handlungsraum” ist sowohl wörtlich als auch im übertragenen Sinne zu verstehen: Einerseits kann ein Handlungsraum erzeugt werden, indem gezielt Personen als Opfer ausgesucht werden, die allein sind. Andererseits kann, wenn andere Menschen anwesend sind, sorgfältig geprüft werden, ob diese geneigt sind einzugreifen. In beiden Fällen ist das Ziel der Täter sich sicher zu fühlen und ungestört agieren zu können.

Ein typisches Beispiel für dieses Vorgehen könnte etwa folgendermaßen aussehen:

Eine Gruppe Jugendlicher betritt das Zugabteil und setzt sich. Sie beginnen sich zunächst laut und scherzhaft gegenseitig zu beleidigen, reden bald aber deutlich hörbar über andere Fahrgäste. Bemerkungen wie “guck Mal, wie sie alle auf ihr Handy glotzen” und “starren alle vor sich hin. Wie Zombies” fallen. Die übrigen Personen im Abteil reagieren nicht darauf, sondern beschäftigen sich tatsächlich mit ihren Smartphones oder schauen zu Boden. Neben abfälligen Beleidigungen über die Fahrgäste diskutiert die Gruppe nun auch offen darüber, einzelne Personen “so richtig zu klatschen”. Sowohl die davon Betroffenen als auch unbeteiligte Fahrgäste beschäftigen sich weiterhin intensiv mit anderen Dingen, wie ihrem Handy, dem Boden oder dem Ausblick aus den Zugfenstern.
Schließlich steht einer der Jugendlichen auf und spricht einen Mann am Ende des Abteils an: “Was glotzt du mich die ganze Zeit so an? Haste nix anderes, das du angucken kannst?” Die zögerliche Antwort des Mannes wird davon unterbrochen, dass auch die übrigen Jugendlichen dazu kommen und ihn angehen. Zwischen dumme Sprüchen und spottendem Gelächter beginnen sie die Kleidung des Mannes anzufassen.
Einer der Jugendlichen entreißt dem Mann seine Umhängetasche und leert den Inhalt auf den Boden des Abteils aus. Die anderen greifen ihm inzwischen auch in die Haare und beleidigen ihn heftig, während der Zug bereits für den nächsten Halt bremst. Kurz bevor sich die Türen öffnen verpasst der Sprecher der Gruppe dem Mann eine kräftige Ohrfeige. Die gesamte Gruppe flüchtet lachend an der Haltestelle. Kaum haben die Jugendlichen den Zug verlassen eilen andere Fahrgäste herbei und kümmern sich um den verletzten Mann. Die Hilfe kommt allerdings zu spät, um den Vorfall zu verhindern.

Wer so eine Situation schon einmal erlebt hat kennt das ungute Gefühl, dass sich gleich zu Beginn einstellt. Für einen kurzen Moment taucht der Gedanke auf, dass jemand etwas unternehmen sollte. Vielleicht wir selbst? Während wir diese Idee abwägen entdecken wir aber erleichtert viele Gründe, aus denen wir uns am besten aus der Sache heraushalten. Müssten wir sie ausformulieren lauten sie vielleicht folgendermaßen:

  • “Der hört bestimmt gleich wieder auf.”
  • “Vielleicht kennen sich diese Menschen und der Streit ist Privatsache.”
  • “Das machen die schon unter sich aus.”
  • “Es geht bestimmt gleich jemand anderes dazwischen.”
  • “Ich kann an der Situation sowieso nichts ändern.”

Mit diesen oder ähnlichen “Selbstschutzausreden” entlasten wir allerdings nur unser Gewissen und rechtfertigen vor uns selbst, nicht einzugreifen. Derartige Ausreden erlauben uns, unserem inneren Konflikt aus dem Weg zu gehen: Es ist offensichtlich, dass etwas nicht stimmt aber, wir befürchten selbst Probleme zu bekommen, wenn wir etwas unternehmen. Die Situation deshalb zu ignorieren oder zu verkennen ist aber ein Fehler. Sobald das eigene Gefahrenradar anspringt, d.h. das Gefühl existiert, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist, sollte dem auch nachgegangen werden.

Auch ohne sich selbst zur Zielscheibe zu machen ist es möglich, früh und effektiv zu helfen. Dazu müssen wir uns aber mit der problematischen Situation auseinandersetzen statt die Augen zu verschließen. Besser als sich in Mutmaßungen und Ausreden zu verlieren ist es also, das Geschehen aufmerksam im Blick zu behalten.

Abhängig davon, wie weit das Geschehen sich bereits entwickelt hat gibt verschiedene Möglichkeiten einzugreifen. Generell gilt: Je früher reagiert wird, desto leichter kann der Eingriff auch sein. Denn wenn der vom Täter benötigte Handlungsraum erst garnicht bereitgestellt wird kann das schon gewaltpräventiv wirken, z.B. weil zu viele Personen, wir eingeschlossen, sein Verhalten gleich nach dem ersten Grenzübertritt aufmerksam beobachten und er sich deshalb nicht sicher fühlt.

In weiter fortgeschrittenen Situationen oder wenn außer uns niemand das Geschehen beobachtet, ist es am besten Öffentlichkeit für die Situation herzustellen. Das entzieht dem Täter auch einen bereits etablierten Handlungsraum wieder. Öffentlichkeit kann hergestellt werden, indem Autoritätspersonen (z.B. der Busfahrer oder Zugführer) informiert oder andere Anwesende gezielt angesprochen werden. Sätze wie „Haben Sie das gesehen?“, „Finden Sie auch, dass…?“ oder “Das sieht nicht in Ordnung aus.” eignen sich, um andere Menschen auf das Problem aufmerksam zu machen und einzubeziehen.

Wenn erst einmal jemand das Offensichtliche anspricht steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass sich andere Anwesende in die Situation einmischen. In der Fachliteratur spricht man vom sogenannten Zuschauereffekt. Darunter versteht man das Phänomen, dass Zeugen eines Vorfalls mit sehr viel geringerer Wahrscheinlichkeit eingreifen, wenn noch viele weitere Unbeteiligte anwesend sind. Im Ergebnis schauen alle nur zu und niemand hilft.

Es bedarf nur einer einzigen, zielstrebig handelnden Person, um den Effekt zu durchbrechen. Diese Person sollten wir sein. Andere Anwesende haben nämlich die gleichen Selbstschutzausreden im Kopf wie wir, aber wir können uns mit ihnen zusammenschließen. Wenn andere Anwesende ihre Aufmerksamkeit plötzlich gesammelt auf das Verhalten des Täters richten, sendet ihm das ein deutliches Signal, dass er nicht ungestört handeln kann. Im Extremfall kann es helfen, den Vorfall sogar mit dem Handy zu filmen.

Kommt es tatsächlich zu einem Gewaltvorfall gilt es weitere Hilfe zu organisieren: und z.B. die Polizei oder den Sicherheitsdienst zu verständigen. Erst ganz zuletzt, d.h. wenn all diese Maßnahmen fehlgeschlagen sind und unter der Voraussetzung, dass man sich und andere zu schützen weiß, sollte man selbst direkt eingreifen und dazwischen gehen. Das oberste Gebot dabei ist aber der Selbstschutz.

Auch wenn es im ersten Moment nicht so scheint hat man als Unbeteiligter auch ohne direktes Einschreiten die Möglichkeit, Gewalt wirksam zu verhindern oder zu unterbrechen. Wir müssen uns nicht selbst in den Konflikt mit dem Täter hineinziehen lassen. Es reicht zunächst vollkommen, sich mit anderen Anwesenden zusammenzutun, ohne den Täter auch nur anzusprechen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen sind Täter sehr sensibel für das Verhalten von Umstehenden und werden schnell erkennen, wenn sie sich in ungünstigen Umständen befinden.

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